Sylvesterlied
J. Diebold
Des Jahres letzte Stunde
Ertönt mit ernstem Schlag,
Trinkt, Brüder, in die Runde
Und wünscht ihm Segen nach!
Zu jenen grauen Jahren
Entfliegt es, welche waren,
Es brachte Freud' und Kummer viel
Und führt' uns näher an das Ziel!
In stetem Wechsel kreiset
Die flügelschnelle Zeit:
Sie blühet, altert, greiset
Und wird Vergessenheit.
Kaum stammeln dunkle Schriften
Auf ihren morschen Grüften,
Schönheit, Reichtum, Ehr' und Macht
Sinkt mit der Zeit in öde Nacht.
Ist noch ein jeder lebend,
Der Heute vor dem Jahr
In Lebensfülle strebend,
Mit Freuden fröhlich war?
Ach mancher ist geschieden
Und liegt und schläft in Frieden!
Wohlan, und wünschet Ruh' hinab
In unsrer Freunde stilles Grab.
Wer weiss, wie mancher modert
ums Jahr, versenkt ins Grab!
Unangemeldet fordert
der Tod die Menschen ab.
Trotz lauem Frühlingswetter
wehn oft verwelkte Blätter.
Wer von uns nachbleibt, wünscht dem Freund
im stillen Grabe Ruh' und weint.
Der gute Mann nur schliesset
die Augen ruhig zu;
mit frohem Traum versüsset
ihm Gott des Grabes Ruh'.
Er schlummert leichten Schlummer
nach dieses Lebens Kummer;
Dann weckt ihn Gott, von Glanz erhellt
zur Wonne seiner bessern Welt.
Auf, auf, seid frohen Mutes,
Auch wenn uns Trennung droht!
Wer gut ist, findet Gutes,
Im Leben, wie im Tod.
Dort sammeln wir uns wieder
Und singen Wonnelieder.
Gut sein, ja, gut sein immerdar!
Sei unser Wunsch zum neuen Jahr.