Besuch bekommen

J. Doebber

Ätsch, wir haben Besuch gekriegt!

"Von wem denn?" - das sag' ich nicht;

Von meiner Tante Haberstroh,

Die wohnt ganz weit, ich weiß nicht, wo.

Die hat ein Kleid von Seide an

Mit Franzen dran,

Ein Halsband von Chenille

Und eine Samt-Mantille,

Am Kopf zwei lange Locken

Und den ganzen Hut voll Blumenglocken!

"Trude, die ist wohl schrecklich reich, ja?

Die kommt wohl nach der Königin gleich, ja?"

Das glaub' nur: Die hat so viel Geld

Wie keine Tante auf der Welt!

"Das hab' ich mir bald gedacht!

Was hat sie dir denn mitgebracht?"

Mitgebracht hat sie mir gar nichts;

Ich dacht es erst, aber es war nichts;

Meine Mutter sagt, sie wär' sehr genau.

"Gar nichts, die reiche Frau?

Gar nichts? Du meine Güte -

Kriegst nicht mal 'ne Tüte,

Kriegst nicht mal ein Zuckerplätzchen,

Kriegst nicht mal ein Dreierkätzchen!

Da sollst du unsere Tanten seh'n,

Die sind gar nicht schön,

Aber wenn die uns besuchen,

Gibt es immer Pfefferkuchen!

Da geh nur, lauf zu deiner alten -

Die kannst du behalten!"