So Einer war auch Er

J. Doebber

Liegt ein Dörflein mitten im Walde,

Überdeckt vom Sonnenschein,

Und vor dem letzten Haus an der Halde

Sitzt ein steinalt Mütterlein.

Sie lässt den Faden gleiten

Und Spinnrad Spinnrad sein

Und denkt an die alten Zeiten

Und nickt und schlummert ein.

Heimlich schleicht die Mittagsstille

Durch das flimmernde grüne Revier.

Alles schläft; selbst Drossel und Grille

Und vorm Pflug der müde Stier.

Da plötzlich kommt es 1 gezogen

Blitzend den Wald entlang

Und vor ihm hergeflogen

Trommel- und Pfeifenklang.

Und in das Lied vom alten Blücher

Jauchzen die Dörfler: Sie sind da!

Und die Mädels schwenken die Tücher,

Und die Jungens rufen: "Hurrah!"

Gott schütze die goldnen Saaten,

Dazu die weite Welt;

Des Kaisers junge Soldaten

Ziehn wieder ins grüne Feld!

Sieh, schon schwenken sie um die Halde,

Wo das letzte der Häuschen lacht!

Schon verschwinden die ersten im Walde

Und das Mütterchen ist erwacht.

Versunken in tiefes Sinnen,

Wird ihr das Herz so schwer,

Und ihre Thränen rinnen:

"So einer war auch Er!"