Minnelied
J. Grimm
Ich unternahm's, den Falken gleich,
Die, kraft verweg'ner edler Art,
Aufschweben zu der Sonne.
Ich wagte hohen Flug zu Euch,
Ihr, schönes Bild, wie kein's noch ward,
Ihr, meiner Augen Wonne.
Euch laßt mich seh'n, und immer sehen!
Ja, schritt ein Kaiser stolz heran,
Er müßte knieend Liebe flehen.
Wohl mir! -- Durch stetes Anschau'n ganz
An Eure Glorie gewöhnt,
Frohlock' ich im Gemüthe;
Denn Euer himmlischreiner Glanz,
Nach dem sich mein Gedanke sehnt,
Verkündet Weibesgüte.
Das ich seit allen meinen Tagen
Kein Lieb so tadellos erfand,
Muß ich bei Pflicht und Eide sagen.
O fänd' ich gnadenreichen Muth,
Ich riefe, süßer Hoffnung voll:
"Ihr seid mein Wunsch, mein Leben!
"Lohnt Minnedienst und Minnegluth!" --
Ach, wenn ich Gnade suchen soll,
Muß ich verstummen, beben.
Doch Eines habt Ihr längst erfahren:
In Geist' und Herzen pfleg' ich Euch,
Hold oder unhold, treu zu wahren.