Fischerlied

J. Herbeck

Wo die hohen Alpen sich erheben,

Schöpft der Rhein die helle Perlenfluth;

Schöpfet mit der Fluth das eigne Leben,

Schauet in die Weite wohlgemuth.

Dreifach quellen

Leichte Wellen

Aus der Berge Schooß.

Rauschen nieder,

Quellen wieder,

Einen sich zum schönen Loos.

Über blinkende Krystalle

Hüpft die Fluth mit raschem Falle,

Rieselt friedlich fort im grünen Moose,

Ungetrübt und spiegelrein;

Schöner blüht die Alpenrose,

Neu getränkt vom jungen Rhein.

Von der Klippe steil herunter

Springt die Gemse keck und munter,

Trinket frischen Geist und Muth

Aus des Rheines Perlenfluth.

Durch die Thäler wallend, durch die Fluren,

Hinterläßt der Strom in seinem Lauf

Überall des Segens reiche Spuren,

Neues Leben, neue Freude blühet auf!

Da tönet herab von den Höhen

Das fernhin hallende Horn;

Da zieht von den grünenden Höhen

Die Heerde zum wallenden Born.

Der Abendglanz röthet

Den freundlich stillen Rhein,

Der Alpenhirt flötet

Der Liebe Melodei'n.

Er schaut in die Wellen

Mit schwärmendem Sinn;

Die Wellen entschwellen,

Und eilen dahin:

So sieht er die Zeiten

Der Liebe verblühn,

Wie Wogen entgleiten,

Wie Wellen entfliehn.

Plötzlich tritt der Strom aus engen Schranken

In den weiten Bodensee hinein,

Sieht die stillen Wasser leise schwanken,

Strömt sie durch im traulichen Verein.

Langsam treibt der Nachen

Auf der stillen Fluth.

Fischer müssen wachen,

Wenn das Liebchen ruht.

Bei des Mondes Scheine

Auf dem weiten See

Rudern sie alleine,

Fühlen banges Weh,

Treiben auf den Wellen

Ohne Ruh und Rast,

Bis die Netze schwellen

Von der Fische Last.

Doch, was hemmt des Stromes friedlich Wallen,

Störet dort die sichre, freie Bahn?

Hör' ich nicht der Fluthen lautes Fallen

Wie beym wilden, tobenden Orkan?

Hör' ich's nicht rauschen wie Sturmes Geheul,

Zischen und wogen und sausen?

Stürzt nicht die Welle mit jagender Eil,

Schaumend und siedend im Brausen?

Aber sieh, es wandern aus der Ferne

Viele Pilger an des Rheines Fall,

Weilen lange dort, und weilen gerne,

Horchen stumm dem ewig wilden Schall.

Heimlich flieht das Mädchen aus der Hütte

Von der häuslich stillen Arbeit fort,

Eilet schnell mit leichtem Flügeltritte

Nach dem oft besuchten trauten Ort.

Lauschet dann dem ewig wilden Schalle,

Theilt ihr banges Sehnen mit der Fluth,

Höret noch im leisen Wiederhalle,

Was im tiefen Busen sonst geruht;

Schauet in den Sturz der weißen Wogen,

Bis es hell im blauen Auge blinkt,

Und dann in die mächt'gen Wasserbogen

Heimlich eine helle Thräne sinkt.

Neu beruhigt, geht mit festem Schritte,

Wachsend stets der Strom den sichern Gang;

Hält zwei Staaten die bestrittne Mitte,

Schuldlos an der Völker wildem Zank.

Ach, oft schon tobte bei des Rheines Schwelle

Des Krieges Wuth;

Dann rauschte nicht die leichte Silberwelle,

Dann rauschte Blut!

Und schüchtern sah man in die Grotten eilen

Der Nymphen bange Schaar;

Sie mögen nicht an grauser Stätte weilen

Und hassen die Gefahr.

Und traurig sah der Rhein die Wellen röthen;

Sein fühlend Herz erstarrt,

Wenn Brüder sich des Lebens Qual erhöhten,

Und Blut die Losung war.

Doch hinweg von diesen Schreckenscenen! --

Nach den goldnen Rebenhügeln hin,

Die sich längs den Ufern dehnen,

Woll'n wir fröhlich mit den Frohen ziehn!

Ach, des Lebens heitre Augenblicke,

Laßt sie nicht so leicht vorüberfliehn!

Trauet nicht dem finsteren Geschicke!

Brecht die Blumen, die nur selten blühn!

Hier denn, unterm Dach der goldnen Reben;

Wohl beschützt von unserm treuen Rhein,

Sollen leichte Freuden uns umschweben,

Soll uns perlen edler, alter Wein!

Und bei'm Becherklange woll'n wir singen,

Im Gesang steigt Freude nur empor!

Singen, daß die Rebenhügel klingen

Froh und frei dem muntern Jubelchor.

Der Wein ist der Quell

Der göttlichen Kraft,

Drum bringet mir schnell

Den göttlichen Saft!

Und füllet die Becher

Dem fröhlichen Zecher

Mit goldenem Wein!

Der Wein macht das Herz

So menschlich und mild!

Selbst Herzen von Erz

Stets finster und wild,

Zerschmelzen, zerfließen,

Wenn Becher ergießen

Den goldenen Wein.

Längst schon einten sich im vollen Glanze

Viele Flüsse mit dem nahen Rhein;

So der Neckar mit dem Epheukranze,

Und im ew'gen Schlangenzug der Main.

Doch der lieben Mosel traute Wellen

Sah man immer in der Ferne quellen,

Und der gute Rhein

Fand sich immer noch allein.

"Komm' und bring' mir deine Silberwellen"

Rief er zu der holden Nachbarinn,

"Komm', die düstern Augen zu erheben;

Bring' mit deinen Wogen heitern Sinn:

Sollst es gut in meinem Schlosse finden,

Perlen und Korall,

Bunte Muscheln aus den tiefsten Gründen

Schimmern überall.

Komm', o komm', verzieh nicht mehr,

Gieb dem lauten Flehn Gehör!"

Und sie lauschte diesen holden Tönen,

Strömte näher, strömte nah heran,

Und sie fühlt' ein nie gekanntes Sehnen,

Bis sie die geliebte Fluth gewann.

Und in's Perlenschloß hinunter

Zog er schnell die theure Braut;

An den Ufern ward es munter,

Und der Jubel wurde laut.

Zu der Hochzeitsfeier eilten

Alle Nymphen von der Flur.

Faunen, die nicht ferne weilten,

Folgten taumelnd ihrer Spur.

Alle Hirten von den Auen

Kamen, dieses Fest zu schauen,

Und der Winzer führte hin

Seine schöne Winzerinn.

Zu der Flöten Zauberklang

Tönte froher Festgesang,

Und bei Zymbeln und Schalmeien

Tanzten sie den bunten Reihen.

Und der Doppelstrom fließt immer weiter,

Schafft zur Blumenflur den dürren Sand.

Majestätisch, ruhig, rein und heiter,

Nahet er des Meeres fernem Strand.

Doch, er soll im vollen Glanz nicht enden:

So wie dreifach er dem Quell entsproß,

Muß er dreifach wiederum verspenden,

Was vereint mit ihm durch's Leben floß.

Dorthin, wo des Meeres Fluthen schwellen,

Bis zum letzten Lebenshauche wach,

Führt er seine letzten treuen Wellen

Durch die Doppeltheilung klein und schwach;

Sieh die See, der Fluthen mächtig Steigen

Und die Brandung an den jähen Strand

Horchet rings dem dumpfen, düstern Schweigen,

Opfert dann, zum letzten Schritt ermannt,

Seine trauten Wellen dem Geschicke,

Gießt sie hin der wilden Meeresfluth;

Einmal nur noch wendet er die Blicke,

Drauf in Meeres Grab er sinkt und ruht.