Das alte Lied

J. Kalliwoda

Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land

ein greiser Sänger zieht,

und wo er weilet, überall

singt er das alte Lied.

Er singt seit langen Jahren schon

dies eine Lied allein;

es muss die Lieblingsweise wohl

des alten Sängers sein.

Nicht Lieblingssang: sein einz'ger Sang,

er hat kein' and're Wahl;

die andern Lieder aus alter Zeit

vergaß er allzumal.

Und neue Weisen fand er nicht,

sinnt neuem Lied nicht nach,

hat Sinn nur für sein altes Lied,

das singt er Tag für Tag.

Wie eng, wie eng ist Sängers Brust,

der nur ein Lied entfließt!

So eng, so eng wie's dunkle Haus,

das der Liebsten Asch' umschließt.