Das Auge der Nacht
J. Kalliwoda
Fromm und treu in stiller Nacht
Über uns ein Auge wacht,
Blickt aus dunklem Himmelsblau,
Spiegelt sich im Abendthau;
Weinet durch des Kirchhofs Flieder
Auf die schwarzen Kreuze nieder.
Lächelt freundlich, hold und klar,
Auf ein zärtlich Liebespaar,
Sieht die Leiden und die Lust
In der tiefen Menschenbrust,
Lauscht durch einen Silberschleier
Eines armen Sängers Leier.
Und auf wen es niederschaut,
Wird es bald mit ihm vertraut,
Gleich als früg' es liebend an:
„Hat dir Jemand weh gethan?
Deinen Schmerz mußt du mir klagen
Und ich helfe dir ihn tragen!“
Blitzt dann von der Alpen Schnee,
Tauchet in die weite See,
Strahlet dann mit frischem Glanz
Gaukelnd auf der Wellen Tanz,
Küßt durchs Fenster in das Stübchen
Meines Mädchens Wangengrübchen.
Auge, das dort droben wacht,
Holder Freund in stiller Nacht,
Der den Schlummer uns versüßt,
Trauter Mond, sey mir gegrüßt,
Allen Ruhenden hienieden
Gold'ne Träume, gold'nen Frieden!