Der Glöckner

J. Kalliwoda

Saß ein Glöckner hoch im Thurm,

Jahr aus Jahr ein,

Bey Sommerhitz und Wintersturm

In seinem Kämmerlein;

Freudig griff er nach dem Seil'

Zu künden Freud',

Und traurig griff er nach den Seil'

Der Stadt zu künden Leid! -

Und wenn still in schwarzer Nacht

Schon Alles lag,

Da warnt' er oft vor Feuersmacht

Mit dumpfem Glockenschlag.

So lebt' er im hohen Thurm

Jahr aus Jahr ein,

Bey Sommerhitz und Wintersturm

In seinem Kämmerlein;

Da ward Krieg; mit mächt'gem Heer'

Zieht ein Tyrann

Als Sieger ein, wollt' Siegesehr,

Weil er das Spiel gewann.

Läuten sollt' der Glöckner auch,

Doch that er's nicht;

Die Glock' entweih'n nach Knechtesbrauch,

Sprach er, ist nimmer Pflicht!

Flugs dem Sieger hinterbracht

Ward solche Kund;

Er braucht tyrannisch seine Macht

Noch in derselben Stund',

Droht mit Sturz vom Thurm herab

Dem Glöcknersmann',

Doch dieser stürzt sich selbst hinab

Als freyer Ehrenmann.

Fiel, und fiel auf harten Stein

Und fand den Tod.

Er wollt die Glocke nicht entweih'n:

Groß bleibt des Glöckners Tod!