Sängers Abendlied

J. Kalliwoda

Abendtau

perlend glänzt auf bunten Wiesen,

Blumen hold die Weste grüßen

lind und lau,

Purpurwellen strahlend fließen

in des Himmels lichtes Blau,

und es scheint die grüne Au

näher jetzt der Himmel zu umschließen.

Morgenglut

strahlt wohl schön am blauen Bogen,

doch zum Abend hingezogen

ist mein Mut.

Wenn des Tags Gewühl verflogen,

stiller wallt das rasche Blut,

und die trunk'ne Seele ruht

sanft umrauscht von der Erinn'rung Wogen.

Sternenschar

ist schon munter aufgegangen,

Nacht mischt sich dem lichten Prangen

wunderbar,

Herzen, welchen heiß Verlangen

in geheimsten Tiefen war,

nahen jetzt mit Blicken klar,

das Geliebte glühend zu umfangen.

Zitherklang

lass' ich durch die Flur erschallen,

und den Abend singt vor allen

mein Gesang.

Nimm mich auf in deine Hallen,

blütenduft'ger Lindengang,

und naht Liebchen, scheu und bang -

süße Nacht, lass nicht den Schleier fallen!