Die Nachtviole an das Mädchen
J. Kienlen
Wenn die Berge Gipfel glühen
Von der Sonne letztem Strahle,
Und im stillen Alpenthale
Heimwärts muntre Herden ziehn;
Steh' ich einsam, unbelauschet,
Sende meine Balsamdüfte
Dir im Ätherhauch der Lüfte,
Welcher kühlend um dich rauschet.
Immer wallst du hier vorüber,
Mädchen! hast mich nie erblicket;
Hat mein Duft nicht gleich erquicket,
Wird mein Blick doch täglich trüber.
Kann ich deine Schmerzen heilen,
Schwester! deine Leiden stillen?
Gerne will ich es erfüllen,
Jeden Kummer mit dir theilen.
Ach! du hörest nicht mein Bitten,
Hörest nicht mein tröstend Sprechen!
Matt will sich dein Auge brechen,
Bald nun hast du ausgelitten.
Deine Wangen sich entfarben,
Todes Engel seh ich winken,
Laß an deine Brust mich sinken,
Mich an deinem Busen sterben.