Lied aus Heinrich von Ofterdingen

J. Kienlen

Bricht das matte Herz noch immer

Unter fremdem Himmel nicht?

Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer

Immer mir noch zu Gesicht?

Kann ich wohl noch Rückkehr wähnen?

Stromweis stürzen meine Thränen,

Bis mein Herz in Kummer bricht.

Könnt' ich dir die Myrthe zeigen

Und der Eider dunkles Haar!

Führen dich zum frohen Reigen

Der geschwisterlichen Schaar!

Sähst du im gestickten Kleide,

Stolz im köstlichen Geschmeide,

Deine Freundin wie sie war.

Edle Jünglinge verneigen

Sich mit heißem Blick vor ihr;

Zärtliche Gesänge steigen

Mit dem Abendstern zu mir.

Dem Geliebten darf man trauen;

Ew'ge Lieb' und Treu den Frauen,

Ist der Männer Losung hier.

Hier, wo um kristallne Quellen

Liebend sich der Himmel legt,

Und mit heißen Balsamwellen

Um den Hayn zusammenschlägt,

Der in seinen Lustgebieten

Unter Früchten, unter Blüthen

Tausend bunte Singer hegt.

Fern sind jene Jugendträume!

Abwärts liegt das Vaterland!

Längst gefällt sind jene Bäume,

Und das alte Schloß verbrannt.

Fürchterlich, wie Meereswogen,

Kam ein rauhes Heer gezogen,

Und das Paradies verschwand.

Fürchterliche Gluthen flossen

In die blaue Luft empor,

Und es drang auf stolzen Rossen

Eine wilde Schaar ins Thor.

Säbel klirrten, unsre Brüder,

Unser Vater kam nicht wieder,

Und man riß uns wild hervor.

Meine Augen wurden trübe;

Fernes mütterliches Land,

Ach! sie bleiben dir voll Liebe

Und voll Sehnsucht zugewandt!

Wäre nicht dies Kind vorhanden,

Längst hätt' ich des Lebens Banden

Ausgelöst mit kühner Hand.