Empfindungen eines alten Juden

J. Kirnberger

Wer bist du denn, der Meer und Land

Despotisch Sein nennt, dessen Hand

Mich an die Sclavenkette schließt?

Wer bist du denn, du stolzer Christ?

Gehör' ich nicht so gut, wie du,

Dem großen weisen Gärtner zu,

Der liebreich Blumen aller Art

Gepflanzet hat, und aufbewahrt?

Ein Wink von ihm, und Blumen blühn!

Ein Wink, und Blumen welken hin,

Ihr Duft verweht, die Stätt' ist leer,

Und niemand denket ihrer mehr.

Doch nur verpflanzet, blühen wir;

Zwar nicht, wie sonst, des Gartens Zier!

Doch blühn wir, weit umher gemischt,

Von Seines Mundes Hauch erfrischt!

Und der du, gleich uns, Erde bist,

Du wünschet uns, du stolzer Christ,

Von unser beider Vaterland

Mit Stumpf und Stiele weggebannt?

Nicht meinethalben klag' ich Greis!

Mein Bart und Haar ist silberweiß;

Bald bin ich meiner Bande los

Und ruh in Vater Abrams Schoos.

Nur unsre Jugend jammert mich!

O niemals, niemals drängt sie sich

Biß zu der Weisheit Altar vor:

Ihr schließt ihr ja des Tempels Thor.

Für euch nur ist, was Künstlershand,

Und was des Denkers Geist erfand;

Uns wehrt ihr Ackerbau und Zunft,

Und selbst die Schule der Vernunft.

Wohl tadelt ihr der Julian!

Doch, hat er mehr, als ihr, gethan?

Ihr raubt uns, was das Herz entflammt,

Und habt zum Rechnen uns verdammt.

Und wenn, wie ihr, von Geitz verführt,

Ein Jude je zum Schurken wird;

Wenn er, von Dummheit groß gesäugt,

Je eine niedre Seele zeigt;

Da rufet Mann und Weib und Kind:

Weg mit dem jüdischen Gesind!

Und fluchet laut, und spuckt uns an,

Und höhnt mich armen alten Mann.

Ist das die Lehre, die ihr lehrt,

Wozu ihr uns so gern bekehrt?

Ihr prahlt mit Eures Herrn Gebot,

Der Liebe lehrte biß zum Tod?