Alpenreise

J. Lang

Süß athmen die Blüten am stürzenden Bach;

Hoch lächelt vom Hügel manch friedliches Dach,

Umkreist von grünen Gehegen,

Dem Wandrer entgegen.

Die Lüfte wehn reiner, die Unterwelt flieht,

Die Pfade sind schattig, der Cytisus blüht;

Wie mild ergießt sich die Frische

Der Balsamgebüsche!

Wie schimmert das Grün der arkadischen Flur!

Wie glänzen die Thäler von Gold und Azur!

Wie blinkt im wolligen Kleide

Die silberne Weide!

Wie funkelt der Bäche mäandrische Flut!

Wie dämmern die Hügel, von Herden umruht!

Wie glühn in blendender Reihe

Die Berg' in der Bläue!

Dem Tempel des Friedens, von Heerden bewallt,

Entwinden die steinigen Pfade sich bald,

Der Schlund am Felsen wird enger,

Die Düsterniß bänger.

Nun sterben die Laute beseelter Natur,

Dumpftosend umschäumen Gewässer mich nur,

Die hoch an schwarzen Gehölzen

Dem Gletscher entschmelzen.

Wo Felsen den wüthenden Stromfall umdräun,

Da wandl' ich im Schauer der Wildniß allein

Und seh' mit traurigem Sinnen

Die Fluten verrinnen.

Hier wandelte nimmer der Odem des Mais,

Hier wiegt sich kein Vogel auf duftendem Reis;

Nur Moos und Flechten entgrünen

Den wilden Ruinen.

Wie Hesper vom Purpur des Abends umwallt,

O Freundin, so lächelt mir deine Gestalt

Und hellt mit mondlicher Milde

Des Todes Gefilde.

O Freundin, ich denke mit Lust und mit Weh

Des Hügels, wo wir unter Eichen, am See,

Im Geist all unsern Vertrauten

Ein Hüttchen erbauten.

Noch tönet wie leiser Harmonikaklang

Mir tief in die Seele dein süßer Gesang;

Du rührst im Grazienschleier

Die lesbische Leier.

Hell schwebt noch in abendlich duftigem Flor

Das Eiland der friedlichen Saone mir vor,

Wo jüngst wir unter Syringen

Im Dämmerlicht gingen.

Noch wähn' ich, die Thäler im Blütengewand,

Noch wähn' ich, die Wälder am Nachtigallstrand

Des Sees und Agathon's Hallen

Mit dir zu durchwallen.

Das Zaubergemälde der Täuschung zerrinnt

Wie Nebelgestalten im sausenden Wind;

Kalt sprühn um Wangen und Locken

Mir stöbernde Flocken.

Jetzt neigt sich allmählich von eisigem Plan

An brauner Granitwand hinunter die Bahn.

Wie dräun, halb dunstig umflossen,

Die Felsenkolossen!

Oft reißen hoch aus der Umwölkungen Schos

Mit Donnergetöse die Blöcke sich los,

Daß rings in langen Gewittern

Die Gipfel erzittern.

Tief schlummert hier unter dem Trümmergestein

Am einsamen Kreuz der Erschlagnen Gebein;

Der Wandrer meidet mit Schauer

Die Stätte der Trauer.

Ruht sanft, o ihr Todten, im Wolkenrevier!

Der Odem des Ewigen wandelt auch hier.

Empfangt statt Lorbeer und Rose

Dies Opfer von Moose!

Dort senkt sich, so schaurig und still wie die Gruft

Ein Pfad über Schiefer aus nächtlicher Kluft,

Wo Todesahnungen walten

Um gräßliche Spalten.

Ihn wandelt der Jäger der Gemsen im Graun

Der feuchtenden Wolke mit kühnem Vertraun

Und späht, im treuen Geleite

Der Hunde, nach Beute.

Oft dringt er im Lauf der herculischen Jagd

Durch kaltes Geträufel und Schlünde voll Nacht

Hinunter zu der Krystalle

Cimmerischer Halle.

Ich folge dem Starken. Im Kampf mit Gefahr

Erhebt sich, wie machtvoll zur Sonne der Aar,

Der Geist aus kerkernden Schranken

Zu Göttergedanken.

Bald endet am schwankenden Stege die Kluft.

Wie lieblich sich unten in magischem Duft

Die Pyramidengestalten

Der Tannen entfalten!

So lächelt nach Wogengetümmel und Sturm

Dem nächtlichen Schiffer der leuchtende Thurm

Durch Nebel, welche die Auen

Der Heimat umgrauen.

In Herrlichkeit ragen am Westhorizont

Die Riesen der Alpen, schon röther besonnt.

Wie sanft sich östlich mit Bäumen

Die Triften besäumen!

Die Schneewelt umschleiert ein weißliches Grau;

Fern glänzen die Blumengefilde, vom Blau

Der Soldanelle verkündet.

Die Wüste verschwindet.

Schon senkt sich der Abend. Im röthlichen Schein

Winkt unter dem Felsen am Lerchenbaumhain

Die Eremitenkapelle

Mit moosiger Zelle.