Das Veilchen im Thale

J. Lang

Ein Veilchen blüht im Thale,

Erwacht am Morgenstrahle;

So duftig und so blau

Ist kein's mehr auf der Au'.

Still guckt es aus dem Moose;

In seinem goldnen Schooße

Blinkt Thau so hell und rein,

Wie flüß'ger Edelstein.

"Willst hier so ungesehen

In kaltem Moos vergehen?

Komm mit in mild'res Thal,

In schön'rer Sonnen Strahl."

"Sollst dort in lauern Zonen,

In Blumenhügeln wohnen,

Wo nie der Schnee vergeht,

Doch ew'ger Frühling weht!"

Das Veilchen ließ sich pflücken,

Ein mild'res Thal zu schmücken,

Und dunkler schien sein Blau

In blendend weißer Au'.

Und von des Busens Klopfen

Entfiel des Thaues Tropfen;

Nie schön're Stelle fand

Der reichste Diamant.

Wie zart der Tropfen schmückte!

Das Veilchen sah's und drückte

In süßem Liebeswahn

Den Kelch noch inn'ger an.

Im Sitz der Frühlingslüfte

Verhaucht' es seine Düfte

Am reinsten Sonnenstrahl,

Und starb im schönsten Thal.