Die Stunde, da ich dich zuerst ersah

J. Müller-Hermann

O daß ich fände dich in solcher Nacht,

dich Müde, unter Wipfeln Wandelnde!

Wie stüßt' ich gerne deinen schweren Gang,

wie höb' ich gerne dich an Brust und Arm,

wie trug' ich gerne dich in Haus und Dach,

daß du geborgen froh im Sturme seist!

O daß ich fande dich in solcher Nacht,

dich Hehre, unter Sternen Wandelnde!

Wie sant' ich gerne an des Weges Nand,

wie preßt' ich gerne in den Staub die Stirn,

wie strömt' ich gerne Blut und Leben aus

vor dir in Dunkel hin in Sand und Nacht!

Was soll der armen Seele weiter frommen?

Sie beugt ihr Haupt und leidet nur den Sturm.

Um dich, was litte sie nicht still und gerne!

Und will der leßte Tropfen Blutes rinnen

der Seele der am Wege Sterbenden,

noch einmal hebe dann die schwere Wimper

entschleiernd, deines Strahlenauges Wonne

herabzutauen auf die Scheidende.

Und nur ein Jauchzen soll ihr Sterben sein,

ein Gutenacht vor träumevollem Schlaf,

und lächelnd schläft sie, wie ein sel'ges Kind.

Die Stunde, da ich dich zuerst ersah,

mein Bruder, höre, solches war die Stunde:

Ich sahe dich, und alle Menge wogte,

du ragtest über, und du sahest nicht.

Ich sahe dich, du schrittest ohne Pfade

und schrittest sicher, und du sahest nicht.

Ich sahe dich, und deine Blicke schimmern

von andern Sonnen, und du sahest nicht.

Ich sahe dich, und deine Lippen bebten

von andern Lauten, und du sahest nicht.

Ich sahe dich und sah in jener Stunde:

du bist der Fremde, und der einsam ist.

Ich sahe dich und sah in jener Stunde

zu Häupten deinen Kranz und liebte dich!

Da ich des Abends meine Wege schreite

so friedenvoll und selig deines Bildes,

kam mir ein Lied der hohen Liebe also:

Dein Leib sei heilig, heilig deine Seele.

Auf deinen Lippen nimmer meine Lippen,

nur deinen Hånden neig' ich meine Lippen.

Dein Leib sei heilig, heilig deine Seele.

In deinen Armen nimmer meine Arme,

nur deine Hände fühlen meine Stirne.

Dein Leib sei heilig, heilig deine Seele.

Nicht deinem Schoße wird es sich erbringen,

in Leuchten nur gebar es meine Stirne.

Dein Leib sei heilig, heilig deine Seele.

Die andern hebt der Strom und trägt und schlingt,

wir aber ragen voller großer Ruhe

- zwei Klippen -- einsam gegen allen Strom.

Du standest vor der großen roten Sonne

― ein schwarzes Bildnis auf dem Flammengrunde —

und hattest deine beiden Arme offen,

gleichwie gekreuzigt in der roten Sonne;

und als ich aus des Waldes Wipfeln trat

an Weges Ende, und du sahest mich,

da stieg ein Leuchten auf in deinen Zügen,

und Lächeln wob um deine sel'gen Lippen

und bliebest in Verklärung regungslos

und ohne Gruß zu mir:

Ich aber weiß,

noch stehest du und harrst und leuchtest nur

bald aber wirst du mir entgegenkommen,

die Arme offen vor der großen Sonne,

langsam und lieblich wie ein schwebend Bild.