An eine junge Freundin

J. Naumann

Nie schmückt der Seele süßer Reitz,

Geliebtes Mädchen, Dich,

Sehnt nicht Dein Herz, mit edlem Geitz,

Nach innerm Adel sich.

Ein schlanker Wuchs, ein schön Gesicht,

Es reitzt, allein es fesselt nicht.

Zu schnell entflieht der Schönheit Glanz,

Der Jugendblüthe Pracht,

Flicht Geistesanmuth nicht den Kranz,

Der dann auch lieblich macht,

Wenn Lilien und Rosen fliehn,

Und Falten Wang' und Stirn umziehn.

Der Reitz, den Form und Farbe leiht,

Was wünscht sich ihn Dein Herz?

Verlassen von der Blüthenzeit,

Ergreift Dich herber Schmerz,

Wenn nicht, sobald Dein Reitz erstirbt,

Dein edler Geist dir Freund' erwirbt.