Der Sprung

J. Naumann

Ein niedlich Schäfermädchen stand

Am klaren Wiesenbache.

Ein Luftsprung auf den andern Rand

War keine leichte Sache.

Breit war der Bach, und schoß geschwind'

Durch krumme tiefe Pfade;

Drum zögerte das arme Kind

So schüchtern am Gestade.

Ich kam in meiner grünen Tracht

Aus hohen Haselbüschen,

Und wollt', ermüdet von der Jagd,

Am Bache mich erfrischen.

Es schien, als ob in dieß Revier

Mich jetzt ein Engel brächte. -

Ihr Auge hat mich, daß ich ihr

Hinüber helfen möchte.

Bald weckte ihre kleine Noth

Mein höfliches Erbarmen;

Ich hob sie auf, leicht, wie ein Loth,

Mit frischen, starken Armen.

Vertraut um meinen Nacken schlang

Das Mädchen seine Hände.

Und ich, im Amor's Namen, sprang

Mit ihr zum andern Ende.

Dank sey dir, Amor, immerdar!

Du gabst mir Riesenstärke,

Und liehest mir dein Flügelpaar

Zu diesem Liebeswerke.

Wer immer so befiedert wär',

Dem müßt' es leicht gelingen,

Sich tausend Meilen über's Meer

Nach Indien zu schwingen!