Neujahrslied
J. Naumann
Ein neues Jahr schließt sich den schon verlebten
Heut' wieder an!
Was dies enthält, was in dem festgewebten,
Verborgnen Schleier liegt, wer sagt dies an?
Der Frühling schmückt die Welt mit neuer Schöne
Zum Brautgemach;
Der Sommer hallt des Lenzes Freudentöne,
Frohlockend, in dem Chor der Schnitter nach.
Der reiche Herbst ernähret Millionen
Mit goldnem Halm;
Frucht ist der Preis verwelkter Blüthenkronen;
Bei voller Kelter tönt der Winzer Psalm.
Des Winters Eis verschließt die schöne Fülle
Der Blüthenzeit:
So führt der Tod uns durch das Thal der Stille
Zu einem neuen Kreis der Thätigkeit.
Hier wechseln stets, im Kreislauf, Tod und Leben,
Und Wonn' und Schmerz.
Ein jedes Jahr wird seine Freuden geben;
Doch bluten, bluten wird auch manches Herz!
Wenn hier das Meer ein Fruchtland niederwüthet,
Dort Lava glüht:
O! die Natur, die tausendfach vergütet,
Enthüllt ein neues Land, das schöner blüht.
Verödet Krieg der Menschen Glück und Fluren:
Er giebt auch Kraft;
Er weckt den Geist erhabener Naturen,
Der kühn ein beßres Volk aus Trümmern schafft.
Schließt finstrer Wahn das Glück der Menschenkinder
In Fesseln ein:
O! dann erwacht Vernunft um so geschwinder,
Und Wahrheit bricht hervor, wie Sonnenschein,
So wälzt der Geist der ewig schönen Welten
Der Dinge Lauf.
Was übel scheint, auch das löst sich, nicht selten,
Schon unserm schwachen Blick in Weisheit auf.
So bringe dann, du neues Jahr, der Erde,
Was kommen soll!
Die Weisheit nimmt, am kleinen Vaterherde,
Das Schicksal an, so wie's der Urn' entquoll.