Sinnenliebe und Geistesliebe
J. Naumann
Gleich dem Nachtthau auf den Fluren
Schwindet Sinnenliebe hin;
Gleich den goldnen Himmelssternen
Dauert Seelenliebe fort.
Wie durch Sommersonnenwärme
Segensfrucht der Erd' entsprießt:
So reift edle Geistesliebe
Jeden schönen Seelenkeim.
Durch das Leben wehen Stürme;
Und der kalte Herbstwind reißt
Aus dem Kranz der Sinnenliebe
Blum' auf Blume, Blatt für Blatt;
Aber glorreich triumphiret
Über Urn' und Urnenstaub
Die erhabne Seelenliebe,
Die ein Himmelsfunken ist.
An sich selbst entstirbt die Liebe,
Die dem Sinnentraum gehört;
Durch sich selbst hebt Seelenliebe
Zu den Sternen sich empor.
Und zwei gleich gesinnte Geister
Schweben auf der hohen Bahn,
In vereinter, höchster Liebe,
Neuen Paradiesen zu.