Der grüne Baum

J. Netzer

Dort unter meinem Fenster

Im stillen Kirchhofsraum,

Da steht so wunderkräftig

Ein frischer, grüner Baum.

Viel tausend Blätter drängen

Aus jedem Ast hervor,

Und strecken sich wie Arme

Zum Himmel hoch empor!

Wenn mild in seinen Wipfeln

Der Abendwind sich regt,

Manch Vögelein sich fröhlich

Und singend drin bewegt:

Wohl Niemand seiner Wurzeln

In dunkler Erde denkt,

Wohin er tiefverschlungen

Und mühevoll sie senkt.

Doch saugt er junges Leben

Aus alten Gräbern ein,

Aus fauler Särge Schichten,

Aus Moder und Gebein.

Und bringt mir dann die Grüße,

Wenn er sich neu belaubt,

Von allen meinen Lieben,

Die mir der Tod geraubt.