Der Haideritt

J. Netzer

Über die Haide weint der Wind,

Wie ein banges, verirrtes Kind.

Und näher schallt es wie Rosseshuf,

Und näher schallt es wie Hilferuf

Über die Haide! über die Haide!

Der Räuber entführt die Beute: -- ein Weib,

Er fühlt ihn zittern -- den blühenden Leib.

Er spornt das Roß mit wilder Gewalt,

Sein wüstes, dumpfes Fluchen erschallt

Über die Haide! über die Haide!

"Graf Roger zahlt mir blinkendes Gold

Für dich, du Mädchen, so wunderhold!"

"Erbarmen!" ruft das weinende Kind,

Doch Thränen und Klagen verwehet der Wind

Über die Haide! über die Haide!

Sie rankt um den Räuber den weißen Arm,

Er zittert vor Lust, -- sein Blut wird warm;

Er starrt in das bleiche, schöne Gesicht,

Das gießt der Mond sein heiliges Licht

Über die Haide! über die Haide!

Und Rührung ergreift des Räubers Herz,

Es schmilzt in Liebe des Busens Erz. --

"Zum Vater zurück! komm, liebliches Kind!"

Er ruft's -- und brauset zurück wie der Wind

Über die Haide! über die Haide!