Die Loreley
J. Netzer
Zweite Stimme:
Die Nachtlüfte kräuseln die Wellen fein,
frisch auf, Kamerad! In die See hinein!
Zum riesigen Fels, wo die Woge sich bricht,
Wo Loreley thronet im Mondenlicht!
Erste Stimme:
Lass ab, Verweg'ner! vom kühnen Beginn',
es kann dem Verderben kein Schiff entflieh'n,
ihre Anmut im Blicke, im Spiel und Gesang,
umnebelt die Sinne im flutenden Drang!
Zweite Stimme:
Gebricht es an Mut dir, so zieh' ich allein,
nicht ziemt es dem Manne, mutlos zu sein!
Erste Stimme:
Was deine Zunge auch lästernd spricht,
feig, beim Himmel! das bin ich nicht;
wohlan, es sei, Glück auf zur Fähr'!
Bald sollen wir lauschen dem Sange am Meer.
Hörst rauschen die Wogen,
siehst schäumen die Flut?
Wir wollen sie schauen
mit kaltem Blut,
Zweite Stimme:
Senk' ein das Ruder geschwind, geschwind!
Es dreht sich im Kreise der wirbelnde Wind.
Halt an, das Ruder! Halt an geschwind,
hörst du den Zauberton im Wind!
Wohl hör' ich die Laute rauschen,
hör' süßer Stimme Klang.
Beide:
Sie wecken im Busen sehnsüchtigen Drang,
fürwahr, es ist Loreley's bestrickender Sang.
Erste Stimme:
Ermanne dich, Tor! Schon droht uns Gefahr!
Zweite Stimme:
Siehst du die Gestalt mit üppigem Haar
Und funkelndem Auge?
Erste Stimme:
Ich sehe sie klar!
Beide:
Wie freundlich, wie mild,
ein schöner Gebild
hat kein Auge geseh'n,
ist Fürstin der Töne
und Zierde der Feen.
Lass ab von deines Liedes Macht,
verhülle deines Baues Pracht,
du Königin der Höh'n!
Es droht der Fels, es gähnt der Schlund,
die Fähr' verschlingt des Meeres Grund,
Weh uns, es ist gescheh'n!