Die Schifferin
J. Netzer
„Was plätschert da draußen am See so spät?
Lieb Töchterlein, sieh' doch zu.“ --
„'s ist Nachbars Ente, die schwadern geht,
Schlaf', Mütterchen, schlaf' in Ruh!“
„Was rauschet im Wasser so heftig, so laut?
Ach Töchterlein, mir ist bang!“
„Wohl schwemmet ein Bauer sein Rößlein traut;
Schlaf', Mütterlein, süß und lang!“
„Das brauset ja schaurig, wie Sturmeswuth;
Horch, Töchterlein, Nothgeschrei!“ -- --
„Es singt und rudert ein Fischer gut,
Schlaf', Mütterlein, sorgenfrei!“
„O Jammer, o Wehe! nun muß ich hinaus,
Nun bricht mir mein armes Herz!“ --
Sie ruft's und flieget hinab vom Haus,
Die Mutter voll Angst und Schmerz.
Und still zu des Ufers beschilftem Rand
Treibt todt sich ein Leib heran;
Da liegt er bloß in dem schwarzen Sand --
„Barmherziger Gott, mein Mann!“
„Nun, Töchterlein, will ich dir schlafen, nun
Will schlafen die ganze Nacht!
Will lang und süß und in Freuden ruh'n
Den Schlaf, der nie erwacht.“