Der Federschmuck

J. Reichardt

Diese Federn, weiß' und schwarze,

Die ihr auf den Häuptern traget,

Holde Herzensköniginnen,

Eure Schönheit mehren sie.

Ihr erscheinet unsern Augen

So viel aufgeputzte Lerchen,

So viel Pfauen, die stolzirend

Auf der Wies' in Freiheit gehn.

Prächtig war's am Carnevale,

In der Oper euch zu sehen,

Wie erhabne Sultaninnen,

Wie des Moguls Herrscherin.

Nur wer in den hintern Bänken

Nichts vom Schauspiel sehen konnte,

Zog die unbescheidnen Federn

Sotto voce weidlich durch.

Diese schöne fremde Sitte

Kam aus England nicht herüber,

Nicht aus Frankreich, nicht aus Spanien,

Nicht aus Persien noch Catay.

Unter unsre Römerinnen,

Schnell sich vom Olympus stürzend,

Brachte sie der Götterbote,

Der geflügelte Mercur.

Er erzählte, daß da droben

Jede Göttin ihre Locken

Hoch und breit mit Federn zieret,

Wenn sie sich verschönern will.

Daß Minerva, die bescheidne,

Jungferlich und blau von Augen,

Diese Mode mitzumachen

Ihren armen Kauz gerupft.

Daß der Liebe schöne Mutter

Selbst ihr Taubenpaar entfiedert,

Ja die Federn von dem Helme

Ihrem Kriegesgott entwandt.

Und daß sich die hohe, stolze

Juno, Jupiters Gemahlin,

Von dem Schweife ihres Pfauen

Einen Federbusch gemacht.

Billig reizt euch das Verlangen,

Holde Töchter unsrer Tiber,

Mit den Federn in den Locken

Götterfrauen gleich zu sein.

Aber hinter jener Ulme

Seh' ich einen Satyr lauschen,

Der euch in's Gesichte lachend

Unterm Ziegenbarte knurrt,

Und euch zuruft: "Liebe Damen!

Diese Federn, die ihr traget,

Fliegen freilich; doch ihr flieget

Mit dem Hirnchen weiter um.

Sind nicht bunte Pfauenfedern,

Nicht die Federn weißer Tauben,

Sind die Federn der Verehrer,

Die ihr jeden Tag berupft."

Unverschämter Satyr, schließe

Deine tückisch bittre Lippe!

Unsre schönen Römerinnen

Sind so tugendreich als schön.

Jetzt noch wallt in ihrem Busen

Der Lucretia alt Geblüte,

Und ihr Herz und ihre Seele

Sind voll Zärtlichkeit und Treu'.