Klage bei Hölty's Grabe
J. Reichardt
Freunde, klagt den edlen Jüngling,
der zu früh die Welt verließ,
deren Schönheit er noch sterbend
mit so vieler Wärme pries;
klagt den unbescholt'nen Mann,
der die Freiheit wie die Tugend liebte.
Klagt den Freund, der jede Pflicht
edler Freundschaft übte.
Klag', Natur, auch deinem Freunde,
deinem Lieblingssänger klag';
Nie verließ er deine Pfade,
wenn er handelt', wenn er sprach.
Du warst ihm Beweis von Gott,
von Unsterblichkeit, auf die er baute;
drum verdient' er, dass er früh
dein Geheimnis schaute.
Auch wir, die betrübt ihn klagen,
lieben herzlich dich, Natur,
ehren deine weisen Lehren,
wandeln gerne deine Spur,
sängen gerne deine Huld,
deine Göttlichkeit in alle Herzen,
kehrten in Zufriedenheit
deiner Feinde Schmerzen.
Drum so hör' uns dann, o Mutter,
die wir kindlich zu dir fleh'n:
Lass nie diese Birkenlaube
um dies stille Grab vergeh'n,
dass ihr traurig hängend Laub
lange noch in uns're Klage rausche
und dem neid'schen Dornenstrauch
nie den Platz vertausche.