Lied eines Mädchens
J. Reichardt
Schon im Lenz von sechzehn Jahren
Sah ich dich und liebte dich.
Ach was wir da glücklich waren!
Wie der Tag uns da entwich!
Doch verschwunden, ach! verschwunden
Ist dieß allzu kurze Glück,
Und an jene Wonnestunden
Denk' ich kummervoll zurück.
Ach! der Frühling kehrt nun wieder,
Und die liebe Nachtigall;
Doch für mich sind ihre Lieder
Nicht, wie ehmals, Silberschall.
Jeder Quell voll Abendröthe,
Jedes Blümchen, jeder Hain,
Dessen Kühlung uns umwehte,
Mehret meines Herzens Pein.
Dort, wo noch in jeder Rinde
Spuren deiner Liebe stehn,
Will ich spät im Abendwinde
Einsam auf und nieder gehn;
Wenn der Mond mit blassem Schimmer
Durch die grünen Wipfel blinkt,
Und der Sterne trüber Flimmer
Den verhaltnen Thränen winkt.