Sehnen und Fragen

J. Schad

Wie du mich anblickst, süßer Stern der Liebe,

der strahlend du im blauen Osten ziehst;

wie du dich hebst, mein Herz, in heißem Triebe,

dem schimmernden Gestirn entgegen glühst!

Weit schwebt es durch des Himmels weite Räume,

weit von der Erd' ihm der Gedanke nach,

sein Strahl berührt den Blick, und tausend Träume

der tiefbewegten Seele werden wach.

Woher die stillen, rätselvollen Schauer,

die Glut der Andacht durch die Seele weh'n?

Woher des Geistes wundersame Trauer,

mit der wir aufwärts zu den Sternen seh'n?

Woher, dass alles mächtig aufwärts strebet,

was aus dem Mutterschoß der Erde blüht?

Dass alles, was dort fühlend sich erhebet,

sich von dem Staube loszukommen müht?

Woher das Licht, das von des Himmels Sternen

und nicht von irdischen Geburten stammt?

Dass täglich noch herab aus jenen Fernen

das Öl sich gießt, von dem das Leben flammt?

Erfreuend strömt es aus den ew'gen Quellen,

allwirksam strahlt es in der Erde Schoß

und zündet Leben an, macht Keime schwellen

und windet sich zum heit'ren Dasein los.

Warum spielt doch mit wundersamen Klängen

so süß im Walde eine Sängerin

und übertrifft sich selbst in den Gesängen,

doch nicht verstehend ihrer Lieder Sinn?

Fürwahr, was Klagen voll Empfindung dichtet

und von den Lippen jeder Kreatur

ermahnend an die Menschenseele richtet,

das ist die große Seele der Natur!