Ikaros

J. Schulz

Chor der Faunen.

Dädalos hub sich auf wächsernem Fittig;

Ikaros weinete: Vater, dich bitt' ich,

Lehre mich fliegen! Doch Dädalos sprach:

Hättest du Flügel, so flögst du mir nach.

Aber dem Ikaros braus't es und pocht es

Tief in dem Herzen; ihm saus't es und kocht es

Hoch in dem Köpfchen: du bildetest dir

Flügel; so bilde doch Flügel auch mir!

Nun denn, mein Bübchen, sollst Flügelein haben!

Sagte der Vater zum wimmernden Knaben;

Schritt zu der künstlichen Arbeit, und straks

Knätete Dädalos Flügel aus Wachs.

Ikaros bebte vor Wonn' und Verlangen,

Als ihm der Vater mit güldenen Spangen

Heftet die Flügel an Schulter und Brust,

Ist sich der Ammenmilch nicht mehr bewußt,

Höre, mein Söhnchen, der Klugheit bedarf es

Oben in Lüften; drum achte mein scharfes,

Weises Verbot, und bedenk' nicht zu spät,

Daß man aus Wachs nur was Wächsernes dreht,

Folge mir naeh in den mittleren Lüften

Wittere nieht nach ätherischen Düften!

Weit ist die Reise nach Welschland und schwer,

Oben die Sonne und unten das Meer.

Nahest du steigend der Sonne, so schmelzen

Flugs dir die Fittige; tauchst du, so wälzen

Wogen des Meers dich in's gläserne Haus

Wilder Tritonen, den Hechten zum Schmaus.

Dädalos sprach es und hub sich -- der Junker

Fühlte sich nicht vor Entzücken; kühn schwung er

Nach sich dem Vater, hoch über ihn hin,

Über die Wolken mit trunkenem Sinn.

Aber die Flügel begannen zu triefen,

Eh' er es merkte; die Schwingen entliefen

Sinkend dem Sinkenden, und er entstürzt

Purzelnd dem Flug, nicht zur Seefahrt geschürzt.

Merke sich das der Bescheideneren Tadler:

Keck ist der Käfer, und kühn ist der Adler!

Haben die Götter dir Schwingen versagt,

Ei, so geh' nicht auf ätherisehe Jagd!