Lenzgesang

J. Sibelius

Seid gegrüßt, ihr grünen Hallen

Frühlingsheller Waldespracht,

Wo das dumpfe Herz aus allen

Kümmernissen froh erwacht.

Seid gegrüsst, ihr Felsenzacken,

Die ihr in die Wolken ragt

Und auf starkem Riesennacken

Säulenschlanke Buchen tragt.

Moos'ge Schluchten, Steingeklüfte

Ueberdeckt das rote Laub,

Das im Sturm die Herbsteslüfte

Hingewettert in den Staub;

Wie ein Teppich braun und golden

Lagern Schichten über Schicht,

Die mit selt'nen Blütendolden

Kaum ein Grünes unterbricht.

Was sich hoffnungsvoll entfaltet

Einst im Mai in junger Kraft,

Wird im Herbste schnell veraltet

Zu den Toten hingerafft;

Aber unerschöpflich dringen

Trieb' um Triebe wachsend nach,

Und die starken Aeste schlingen

Sich zum hochgewölbten Dach.

Menschenkind, und du willst klagen,

Wenn im Wirbelsturm der Welt

Deine Hoffnung hingeschlagen

Gleich dem Laub zu Boden fällt?

Auf! Aus ungeschwächtem Marke

Schaffe neue, tausendfalt,

Und so wache, so erstarke

Wie der sturmerprobte Wald.

Seid gegrüßt, ihr grünen Hallen

Frühlingsheller Waldespracht.

Durch die Wipfel hör' ich 's wallen

Hundertstimmig laut und sacht,

Treibend, knospend, vielgeschäftig

Rauschts dahin wie Geisterflug;

Lenz, ich spüre lebenskräftig

Deinen neuen Athemzug.