Allgemeine Moral
J. Sterkel
Eins nur, Brüder, Seelengröße
Giebt dem Menschen wahre Ruh!
Keine Würde deckt die Blöße
Tiefgesunkner Seelen zu.
Leichtsinn ist die erste Quelle
Alles Unglücks, das uns droht.
Unschuld bietet auf der Stelle
Engelarm in aller Noth.
O der erste Schritt ist alles!
Und ist dieser fehlgethan,
Dann nimmt sich des nahen Falles
Unser Schutzgeist nicht mehr an.
Drum verfolget eure Wege
Stets mit Vorsicht und Verstand!
Seht, der Tugend sanft Gepräge
Wird bein ersten Blick erkannt.
Tugend ist kein leere Name,
Ist kein Spiel der Fantasie,
In der Tugend liegt der Saame
Zu der reinsten Sympathie,
Zu der Seelenruh hienieden,
Zu den Freuden jener Welt,
Zu dem ungestörten Frieden,
Der im Sturm das Steuer hält.
Sie begleiten uns auf Erden
Durch der Schmeichler feile Brut,
Durch des Dornenpfads Beschwerden,
Durch der Freuden Ebb' und Fluth.
Wäge uns auf ihrer Wage
Jede That im Stillen ab,
Wein' am letzten unsrer Tage
Heiße Thränen auf das Grab.
O Bewußtsein eigner Würde,
Welch ein göttliches Gefühl!
Unsers Lebens schwerste Bürde
Macht es leicht, wie Puppenspiel;
Es gesellt uns zu den Schatten
Unsrer Liebe ohne Schmerz;
Denn von allen, was wir hatten,
Folgt uns nur ein fühlend Herz.