Das Schattenspiel an der Wand
J. Sterkel
Chloe sah den kleinen Garten
Schon im zwölften Lenze blühn;
Ros' und Veilchen abzuwarten,
War ihr einziges Bemühn.
Strenge Zucht war sie gelehret,
Denn man weiß, wie Mütter sind,
Und vom Amor nichts gehöret
Hatte noch das gute Kind.
Einst, am Abend, in der Hütte
Saß die junge Schöne da;
Als sie mit gesetztem Schritte
Einen Knaben kommen sah.
Weisheit war in seinen Blicken,
Freundlich sah er Chloen an;
Und ein Kästchen auf dem Rücken
Trug der kleine Biedermann,
Lieber sang er, süße Lieder
Zu der Laute sanftem Ton
Leise sagten seine Brüder:
Dieses ist Cytherens Sohn.
An der Wand, im bunten Schatten,
Wies er Chloen manches Bild;
Nachtigallen, die sich gatten,
In Gebüsche halb verhüllt.
Einen Gott mit schönen Wangen,
Dessen Auge zärtlich sprach,
Sah das Mädchen. Welch Verlangen
Ward in ihrem Busen wach?
Im belebten Schattenbilde
Läßt sich eine Göttin sehn:
Irrt durch schwelgende Gefilde,
Bleibt an einer Quelle stehn;
Und auf Blumen liegt in Hirte,
Den Diana schmeichelnd weckt.
Amor ach! wozu die Myrthe,
Welche beyde schnell bedeckt?
Küsse höret Chloe rauschen,
Die ein Seufzer unterbricht;
Aber länger sie belauschen
Kann das arme Mädchen nicht.
Das bezaubernde Gesichte
Wiederholt ihr jeder Traum;
Immer denkt sie die Geschichte,
Und verwünscht den Myrthenbaum.
Weinet sie noch oft im Stillen,
Kömmt sie oft in diesen Hain;
So gelinget es Myrtillen,
Ihr Endymion zu seyn.