Die Anakreontische Muse

J. Sterkel

Ich bin die jüngste der Musen,

Ich trag' ein freundliches Herz

Im jugendlich wallenden Busen,

Und singe Weisheit im Scherz.

Ich hab' in dämmernder Laube

Manch flüsterndes Pärchen geneckt,

Und unter den Flügel der Taube

Manch Briefchen von Seide versteckt.

Ich weih' Sokratische Becher

Am Charitinnenaltar,

Und flechte dem alternden Zecher

Die Rose der Jugend in's Haar.

Er kränzt, ein Priester des Schönen,

Im lächelnden Grazienreih'n

Mit scherzenden, fröhlichen Tönen

Das Leben, die Urne im Hain.

Und winkt die gefürchtete Stunde:

Mit ruhig lächelndem Blick

Setzt er den Becher vom Munde,

Und wirft mir die Rose zurück.