Empfindung bei Nacht
J. Sterkel
Der Gott des Schlafs umhüllt mit leisem Flügel
Was auf des Erdballs Häfte wohnt.
Stillfeiernd glänzt in heller Bäche Spiegel
Der Silberfarbne Mond.
In des Olymps gewölbter tiefer Ferne
Verliehrt mein Auge sich entzückt,
Wo jetzt vielleicht Amint, von seinem Sterne,
Mitleidig nach mir blickt.
Geflügelt eilt mein Geist vom Götterstamme,
Sohn der Unsterblichkeit, zu dir!
Mein Busen nährt, gleich einer Feuerflamme,
Des Ewigen Begier.
Denn überall, so weit die Erde gränzet,
Herrscht qualenreicher Unbestand;
Was unserm Wunsch als Gold entgegen glänzet,
Ist, nahgeprüfet, Tand.
Beglückte Zeit, wenn nun von meinen Blicken
Der Vorurtheile Nebel fällt,
Und Leidenschaft nicht mehr in ihren Stricken
Den Geist gefesselt hällt!
Das ist mein Trost; den Traum von unsern Tagen
Verweht ein kühler Abendwind;
Wie Blumen, die der Sonne Last getragen,
Verblühen wir geschwind.
Stets eilt der Tod, damit er uns erhasche,
Kurz hinter unserm Schritte drein;
Gelingt es ihm, so werd ich morgen Asche,
Und eine Fabel sein.
Die Menschheit mag beim Grabe sich empören;
Getrost lern ich hinunter sehn.
Der freie Geist wird, unter Himmelschören,
Dort mit Aminten gehn.