Philis an der Quelle
J. Sterkel
Als bei einer reinen Quelle
Phillis sanft in Rosen schlief,
Kam Cythere an die Stelle,
Und ihr Sohn, der von ihr lief,
Fand sie schlafend; voll der Scherze,
Sprach er, "Phillis, schläfest du?"
Nahm geschwind ihr schönes Herze,
Und floh seinem Tempel zu.
Phillis, die den Zug empfande,
Wachte auf und suchte ihn;
Doch umsonst, der Schlaf verschwande,
Und ihr schönes Herz war hin.
Als sie nun zum Tempel kame,
Rief er, "Phillis, komm' herein,
Such' dein Herz, das ich dir nahme;
Findst du es, so ist es dein."
Sie trat hin und fande Herzen,
Mehr denn hundert in der Reih';
Doch wem sollte das nicht schmerzen
Alle schienen einerlei.
"Nun du wirst dein Herz wohl kennen,"
Sprach der kleine Gott zu ihr,
"Hör'! ich will dir welche nennen,
Suche nur, ich helfe dir."
Dort das Große heißt beständig,
Dieses zärtlich, jenes treu,
Dort das ewig unabwendig,
Das verliebt und jenes frei.
Das erhabne will vor allen,
Immer angebetet sein;
Das will mehreren gefallen,
Das liebt eine nur allein.
Jenes läßt sich überwinden,
Wenn es treue Seufzer hört;
Dieß thut sich an Geld nur binden,
Und verkaufet seinen Werth.
Dieses liebt Geburt und Stande,
Jenes nur was ihm gefällt,
Und das taugt allein aufs Lande,
Und das gar nicht in die Welt.
Das liebt heut und hasset morgen,
Jenes in Gedanken nur;
Dieß voll Leichtsinn ohne Sorgen,
Schwört, und bricht sogleich den Schwur.
Jenes sucht sich einen Schönen,
Dieses wählt sich den Bestand,
Und das kann sich nicht gewöhnen
An der Ehe langes Band.
Phillis! nun was heißt dein Schweigen,
Ist denn deines nicht dabei?
Soll ich dir noch mehrere zeigen,
Sag' doch, welch das Deine sei?
Phillis, Phillis, wie ich glaube,
Kennst du selbst dein Herze nicht,
Ist es wahr, ach! so erlaube,
Was mein Mund jetzt von dir spricht.
Dort das runde gute Herze,
Das dort ganz alleine wacht,
Noch aus Lust, noch auch aus Scherze
Nicht viel sonderliches macht;
So zerstreut wie zärtlich liebet,
Gleich dem innern steten Schein,
Keinem sich zu lang ergebet,
Das nur, Phillis! das ist dein.