Möcht' ein Vöglein sein
J. von Wenusch
Vöglein singt auf grüner Heide,
flattert lustig her und hin;
Vöglein kennt nur süße Freude,
kennt nicht Leid, noch trüben Sinn.
Möcht' wohl auch, ein Vöglein, schwimmen
durch das würzige Gebiet
und im Chor der tausend Stimmen
trillern froh ein frohes Lied,
zwitschert' abends, liebeklagend,
dann an Liebchens Fensterlein,
bis die Holde, ängstlich zagend,
ließ' ins Kämmerchen mich ein.
D'rin nicht wollt' ich, scheu und flüchtig,
flattern unstet d'ran und d'rauf;
nahte da der Süßen züchtig,
flög' wohl gar zu ihr hinauf.
Und mit leiser Schwinge fächelnd
pickt' ich ihr am Miederrand;
ach, da streichelt', liebelächelnd,
sie mich wohl mit weicher Hand.
Und ich presste und ich schmiegte
fest ans Herz mich an in List,
bis die ewig Unbesiegte
mich als Vöglein zärtlich küsst
und mich legt an warme Wange
und mich schäkernd wirft in' Schoß,
und mir lockt mit zartem Klange,
und mich necket mit Gekos'.
Ach, d'rum möcht' ich - o der Freude! -
gar so gern ein Vöglein sein,
denn als Vöglein grüner Heide
ließ' mich Liebchen zu sich ein.