Der heiligen Jungfrau

James Martin Simon

Was leuchtet vom Antoni-Kloster dort

Spät durch das Nachtgrau auf den Fluß herab,

Daß wie ein hoffend Sternlein

Es von der Wellenfläche strahlt zurück?--

Das ist die Lampe, die am Hochaltar

Vor'm Bild der Mutter Gottes brennt.

Von allen ihren Bildern weit und breit

SYSTEMIst wohl das allerschönste dieses Bild:

So fromm und freudig, so voll Würd' und Demuth,

Magdlich und königlich

Schaut von der Kirchwand unsre liebe Frau,

Und schon der Locken Gold wird ihr zur Glorie.--

Was wankt dort für ein Schatten um das Licht,

Bald eifrig, scheint es, hin und her bemüht,

Bald wieder still?--

Das ist der junge fromme Sacristan,--

Albinus, heißt er, mit dem Klosternahmen,--

Der kennt sich keine bessre Freud' und Lust

Auf dieser Welt, als uns'rer lieben Frau'n

Vor diesem Bild zu dienen.

Bald räuchert er vom köstlichen Gedüft,

Wie's nur das Land Arabia senden kann,--

Denn reichen Stamm's ist er, und war vor dem

Ein hoher Rittersmann, bis ihn allhier

Dieß Bildniß abgerufen

Vom Waffendienste zum Maria-Dienst,--

Bald flicht er Blumen, die er selbst erzog,

In blüh'nde Kränz', und hängt sie um das Bild,

Bald wieder ordnet er in Sträuße sie,

Stellt sie in zieren Krüglein vor die Herrinn.

Dann sinkt er staunend

In seine Knie, und starrt zu ihr hinauf,

Und athmet Himmelsluft aus ihrem Lächeln.

Oftmahlen strömet auch ein feyernd Lied

Ihm von den Lippen, denn der heitern Gabe

Des Sanges und der Dichtkunst wohl vertraut,

Bringt er der Herrinn freudig

Zum Opfer dar, was Gott ihm keimen läßt

Im Geistesgarten;-- horch' da hebt er an:

"Bey stillen Lampenscheinen

Zu dienen

Der Einen und der Reinen,

Zu weinen

Nach ihren sel'gen Mienen,

In Hoffen süß erbangend,

Das ist mein Lebenslauf,

So zieht mich's, lind umfangend,

Sacht, sacht zum Himmel auf."

Nun kniet er wieder schweigend im Gebeth.

So geht's die ganze Nacht.--

Und tritt er dann frühmorgens aus dem Thor,

Die Wangen bleich, die holden Augen trübe,

Da spricht ihn wohl ein Klosterbruder an:--

Denn allzumahl sind sie ihm herzlich gut--

"O mein Albine, hast Du wiederum

Die ganze Nacht in Dienst und Fleh'n verlebt?

Du wirst dich uns noch tödten."

Jedoch der Sacristan, -- und Lebenslicht

Schießt neu erquickt aus hellen Augen ihm--

Der Sacristan hebt beyde Händ' empor,

Und kehrt sich nach dem heil'gen Dom zurück,

Und ruft: "Was ist ein Leben,

Wenn nicht ein Sterben in der heiligen Gluth!"