An ein Veilchen

Johann Christoph Kienlen

Blühe, liebes Veilchen,

Das ich selbst erzog,

Blühe noch ein Weilchen,

Werde schöner noch!

Weißt du was ich denke?

Lotten zum Geschenke

Pflück ich nächstens dich.

Blümchen freue dich!

Lotte mußt du wissen,

Ist mein liebes Kind!

Sollt' ich Lotte missen,

Weinte ich mich blind!

Lotte hat vor allen

Kindern mir gefallen,

Die ich je gesehen,

Das muß ich gestehen.

Solch ein schmuckes Mädchen

Gibt es weiter nicht!

Zwar hat Nachbars Gretchen

Auch ein hübsch Gesicht!

Doch muß ich's nur sagen,

Würde man mich fragen:

Möchtst du Gretchen frein?

Sicher sag ich: Nein!

Aber da die Kleine

Liegt mir in den Sinn!

Anders nehm' ich Keine

Wenn ich älter bin.

O die süsse Lotte!

Nächst dem lieben Gotte

Hab' ich doch allhie

Nicht so lieb als sie!

Manche die mich kennen,

Spotten dann und wann,

Wenn sie Lotte nennen,

Sehen sie mich an.

Thut es nur, ihr Leutchen!

Lotte bleibt mein Bräutchen.

Künftig sollt ihr schön

Mit zur Hochzeit gehn.

Aber du, mein Veilchen,

Sollst für Lotte sein;

Blüh' nur noch ein Weilchen

Hier im Sonnenschein.

Bald will ich dich pflücken,

Ihre Brust zu schücken.

Ach, dann küßt sie dich --

Und vielleicht auch mich!