Lied eines wahnsinnigen Mädchens
Johann Friedrich Hugo, Freiherr von Dalberg
Frühmorgens, als ich gestern
Im Felde ging entlang,
Da hört' ich, wie im Thurme
Ein Mädchen lieblich sang,
Die Ketten rasselnd an der Hand,
Und sang so fröhliglich:
Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weiß,
Mein Liebchen liebet mich.
O harter, harter Vater,
Der riß ihn ab von mir!
Grausam, grausamer Schiffer,
Der fort ihn nahm von hier!
Seitdem bin ich so stille nun,
So still aus Lieb' um dich,
Und lieb' mein Liebchen, denn ich weiß,
Mein Liebchen liebet mich.
O wär' ich eine Schwalbe,
Wie schlüpft' ich zu ihm heim!
Oder wär' ich eine Nachtigall,
Ich säng' in Schlaf ihn ein.
Könnt ich ihn an, nur an ihn sehn,
Vergnügt und froh wär' ich!
Ich lieb' mein Liebchen, denn ich weiß,
Mein Liebchen liebet mich.
Kann ich den Tag vergessen,
Als ich am Ufer stand!
Und sah ihn nun zum letzenmal,
Den nie ich wieder fand.
Er kehrt' auf mich sein Auge noch,
Ach, wie sprach das in mich! --
Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weiß,
Mein Liebchen liebet mich.
Ich flecht' dir dieses Kränzchen,
Mein Lieb', und flecht' es fein,
Von Lilien und von Rosen,
Und binde Thymian drein.
Einst geb' ich's denn, mein Liebster, dir,
Wenn ich seh' wieder dich.
Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weiß,
Mein Liebchen liebet mich.