Abendlied

Johann Friedrich Reichardt

Das Tagewerk ist abgethan.

Gib, Vater, deinen Segen!

Nun dürfen wir der Ruhe nahn;

Wir thaten nach Vermögen.

Die holde Nacht umhüllt die Welt,

Und Stille herrscht in Dorf und Feld.

Ohn' Ende kreis't der Rundelauf

Der eitlen Lebenssorgen:

Den Müden nimmt der Abend auf;

Ihn weckt der andre Morgen.

Man trachtet, hofft, genießt, wird satt;

Groß sieht, wer wünscht, und klein, wer hat.

Aus Lieb' hat uns der Vater Schweiß

Und Arbeit aufgeleget.

Des Leibes Wohl gedeiht durch Fleiß;

Der Geist auch wird erreget.

Und strebt aus eitler Sorgen Tand

Empor zu Gott, der ihn gesandt.

Wann du getreu vollendet hast,

Wozu dich Gott bestellte;

Behaglich fühlst du dann die Rast,

Vom Thun in Hitz und Kälte.

Am Himmel blinkt der Abendstern,

Und zeigt noch beßre Rast von fern.

Auf Halm und Blume läßt geheim

Der Vater Labsal thauen;

Mit lassem Kniee wandert heim

Der Mensch aus kühlen Auen:

Ihn bettet Gott zu süßer Ruh',

Und zieht des Dunkels Vorhang zu.

Er aber sorgt indeß und wacht

Für uns mit Vatergnade,

Daß nicht ein Unfall wo bei Nacht

An Leib' und Gut uns schade.

Wir ruhn, uns selber unbewußt.

Und wachen auf, voll Kraft und Lust.