Das Blümlein Wunderschön (Lied des gefangenen Grafen)

Johann Friedrich Reichardt

Graf:

Ich kenn' ein Blümlein Wunderschön

Und trage darnach Verlangen,

Ich möcht' es gerne zu suchen gehn,

Allein ich bin gefangen.

Die Schmerzen sind mir nicht gering,

Denn als ich in der Freiheit ging,

Da hatt' ich es in der Nähe.

Von diesem ringsum steilen Schloß

Laß ich die Augen schweifen,

Und kann's vom hohen Turmgeschoß

Mit Blicken nicht ergreifen,

Und wer mir's vor die Augen brächt',

Er wäre Ritter oder Knecht,

Der sollt' mein Trauter bleiben.

Rose:

Ich blühe schön und höre dies,

Hier unter deinem Gitter.

Du meinest mich, die Rose, gewiß

Du edler armer Ritter!

Du hast gar einen hohen Sinn,

Es herrscht die Blumenkönigin

Gewiß auch in deinem Herzen.

Graf:

Dein Purpur ist aller Ehren werth,

Im grünen Überkleide;

Darob das Mädchen dein begehrt,

Wie Gold und edel Geschmeide.

Dein Kranz erhät das schönste Gesicht:

Allein du bist das Blümchen nicht,

Das ich im Stillen verehre.

Lilie:

Das Röschen hat gar stolzen Brauch

Und strebet immer nach oben;

Doch wird ein liebes Liebchen auch

Der Lilie Zierde loben.

Wem's Herze schlägt in treuer Brust

Und ist sich rein, wie ich bewußt,

Der hält mich wohl am höchsten.

Graf:

Ich nenne mich zwar keusch und rein,

Und rein von bösen Fehlen;

Doch muß [ich hier gefangen sein

Und muß mich einsam quälen].

Du bist mir zwar ein schönes Bild

Von mancher Jungfrau rein und mild,

Doch weiß ich noch was Liebers.

Nelke:

Das mag wohl ich die Nelke, sein

Hier in des Wächters Garten,

Wie würde sonst der Alte mein

Mit so viel Sorge warten?

Im schönen Kreis der Blätter Drang,

Und Wohlgeruch das Leben lang,

Und alle tausend Farben.

Graf:

Die Nelke soll man nicht verschmähn,

Sie ist des Gärtners Wonne,

Bald muß sie in dem Lichte stehn,

Bald schüzt er sie vor der Sonne,

Doch was den Grafen glücklich macht

Es ist nicht ausgesuchte Pracht,

Es ist ein stilles Blümchen.

Veilchen:

Ich steh verborgen und gebückt,

Und mag nicht gerne sprechen,

Doch will ich, weil sich's eben schickt,

Mein tiefes Schweigen brechen.

Wenn ich es bin, du guter Mann,

Wie schmerzt mich's, daß ich hinauf nicht kann,

Dir alle Gerüche senden.

Graf:

Das gute Veilchen schätz' ich sehr,

Es ist sogar bescheiden

Und duftet so schön; doch brauch' ich mehr

In meinen herben Leiden,

Ich will es euch nur eingestehn:

Auf diesen dürren Felsenhöh'n

Ist's Liebchen nicht zu finden.

Doch wandelt unten an dem Bach,

Das treuste Weib der Erde,

Und seufzet leise manches Ach,

Bis ich erlöset werde.

Wenn sie ein blaues Blümchen bricht

Und immer sagt: Vergiß mein nicht!

So fühl' ich's in der Ferne.

Ja, in der Ferne fühlt sich die Macht

Wenn zwei sich redlich lieben,

Drum bin ich in des Kerkers Nacht

Auch noch lebendig geblieben,

Und wenn mir fast das Herze bricht,

So ruf' ich nur: Vergiß mein nicht!

Da komm' ich wieder ins Leben.