Abendglocken

Johann Heinrich Stuckenschmidt

Wie ein Grüßen, wie ein Singen

Geht mir's innig durch's Gemüt,

Nah und fern die Glocken klingen

Und der Tag ist nun verblüht.

Doch in meiner Brust tief innen

Blühet weiter Duft und Glanz,

Daß ich dein mit allen Sinnen,

Dein nur bin, ich fühl es ganz.

Fühl' es ganz, geliebte Seele,

Wie dein Odem mich erfüllt,

Und der Schmerz ob manchem Fehle

Tief in golden Ruh sich hüllt.

Schlafen gangen sind die Triebe,

Rastlos wilden Schaffens Drang,

Nur die Sehnsucht und die Liebe

Wecken kosend meinen Sang.

Wecken meines Herzens Glocken

All zu seeligem Geläut,

Und sie tönen, und sie locken,

Bald verhallend, bald erneut.

Ach daß sie ein Echo fänden,

Drüben über Strom und Wald,

Klingend mir's zurück zu senden,

Daß mein Singen nicht verhallt!

Abendglocken in der Seele,

Abendglocken rings im All --

Nun zur Ruh! Mein Sang erzähle

Dir von mir mit leisen Hall.

Meiner Töne Nachen bringe

Schaukelnd dich zum Traumesport,

Ach, dann träumst du seelge Dinge,

Träume, träume seelig fort!