Am Morgen des 30 Octobers nach einer nächtlichen Zusammenkunft

Johann Rudolf Zumsteeg

Eile auf der Morgenröhte Flügeln

Her zu meinem Lager, süsses Bild!

In des Jammers Thräne dich zu spiegeln,

Die aus schlummerlosem Augen quillt!

Dieses Herz, vom Gram dahingerissen,

Soll an deinem Herzen bebend glühn;

Zitternd, zitternd sollen deinen Küssen

Meine Küsse heiß entgegenfliehn!

Wo, wo seid ihr? Seid ihr ganz verschwunden?

Euch, euch sucht mein thränenvoller Blick!

Süsse, unaussprechlich süsse Stunden,

Kehrt, o! kehret doch zu mir zurück!

Mit der Liebe Wehmuth und Entzücken

Drückt' ich, Theure, dich an meine Brust,

Bebte, weinte, trank aus deinen Blicken

Bange Qual und namenlose Lust!

In dem süssen Taumel, ach! versunken

Sahen wir, Geliebte, uns kaum mehr;

Unsre Blicke, vor Entzückung trunken,

Taumelten verirrt und wild umher!

Von der Zukunft Freuden hingerissen

Schwangen wir uns über Raum und Zeit,

Fühlten unter tausend Flammenküssen

Nichts als Himmel und Unsterblichkeit!

Ach! wir waren noch zu jenen Höhen

Nicht hinaufgedrungen, die wir sahn;

Hatten ferne nur den Lohn gesehen,

Den dereinst die Tugend wird empfahn!

Diese Hände, die sich blutig ringen,

Diese Blicke, irrend trüb' und naß,

Diese Seufzer, die zum Himmel dringen,

Diese Wangen, schon verwelkt und blaß;

Diese Ohnmacht bebender Gebeine,

Diese Jugend, einsam und verblüht,

Diese Thränen, die ich trostlos weine,

Diese Angst, die meine Brust durchglüht;

Diese Träume, die mich nächtlich wecken,

Dieser wüste, dieser leere Sinn --

Ha! ich fühl, ich fühl's mit allen Schrecken,

Daß ich noch ein Staubbewohner bin!

Eile auf der Morgenröthe Flügeln

Her zu meinem Lager, süsses Bild!

In des Jammers Thräne dich zu spiegeln,

Die aus schlummerlosem Auge quillt!

Eile zu mir mit den Abendwinden,

Küsse zitternd und umfasse mich!

Eile zu mir! Erd' und Himmel schwinden!

Dora! Dora! ich umarme dich!