An Doris

Johann Rudolf Zumsteeg

Vergiß mein nicht!

So lispelt Dir die kleine Blüte,

Die oft mit zärtlichem Gemüte

Dein Freund dir bricht.

Wenn Ruf und Pflicht

Mich einst von Dir auf immer trennen,

Wird noch dies Blatt als Freund mich nennen: -

Vergiß mein nicht!

Ich liebte Dich

Mit solchen Unschuldsreinen Trieben,

Wie Engel sich im Himmel lieben,

Drum denk' an mich!

Wenn Dein Gesicht

Durch Reiz und Anmut mich entzükte,

Dacht' ich der Zukunft bang und blickte

Zur Gottheit auf: "Verlaß sie nicht!"

Ich wünschte Dich

So wert des Himmels schönsten Segen.

O! wünsch' es selbst an Scheidewegen,

Und denk an mich!

Die Schönheit flicht

Aus Rosen, Lilien und Nelken

Die Kränze nur, die früh verwelken -

Vergiß das nicht!

Doch schöner blüht

Der reiche Palmenbaum der Tugend,

Den schon ein Engel Deiner Jugend

Zum Kranz erzieht.

Die Liebe bricht,

Die Eitelkeit und Scherz nur gründen:

Die Freundschaft trotzet allen Winden, -

Vergiß sie nicht!

Dein holdes Bild,

O Doris, werd ich nie vergessen,

Wenn gleich bei traurigen Zypressen

Entfernung es in Flor verhüllt.

Mein Herz verspricht

Sich Deiner Lieb' auß ganze Leben,

Und bittet drum mit frohem Beben

Der Hoffnung jetzt: Vergiß mein nicht!