An Elisen

Johann Rudolf Zumsteeg

O Elise, nicht nur für die Freuden

Gab der Himmel uns diess weiche Herz;

Stärker ist doch das Gefühl der Leiden,

Und weit tiefer rühret uns der Schmerz.

Wer ist wohl, dem kein geheimer Kummer

Ungesehn die Seele niederdrückt?

Den nicht oft, erwacht von kurzem Schlummer,

Weinend oft die Morgensonn' erblickt?

Wenn der Abend rötlich niederstralet,

Und die Welt mit milder Kühle tränkt,

Und mit Gold die fernen Höhen malet,

Und ins Tal die braunen Schatten senkt:

O dann steigt ein wonniges Entzücken

Oft aus der gerührten Brust empor;

Öfter aber bebt aus naßen Blicken

Auch der Wehmut sanfte Zähr' hervor.

O wie manchen Schmerz, der nur der Stille

Sich entdeckt, und im Verborgnen weint,

Sieht der Mond, wenn durch die Silberhülle

Er auf uns so hold hernieder scheint.

Wenn auch mich, in seinem Sternenkleide,

Einsam oft der kühle Abend fand,

War er Zeuge von geheimen Leide,

Das nur ihm mein naßer Blick gestand.

Von dem Leide, welches meinem Leben

Früh die Blüten sanfter Lust geraubt;

Gleich den Stürmen, die den Wald durchbeben,

Den nur erst ein junger Lenz belaubt.

Doch es sei, daß diesen Erdentagen

Nie ein Frühling sonder Stürmen blüht

Daß so oft die Wolke trüber Klagen

Auch den hellsten Horizont umzieht.

Aus den stillverweinten Tränen spriessen

Unserm Geist die reichsten Frücht' hervor;

Also wächst nach Sturm und Regengüssen

Schöner nur die goldne Saat empor.

Jede der durchlebten trüben Stunden,

Die doch schnell wie Morgenträum entflohn,

Findet, wenn sie längst dahin geschwunden,

Noch in ferner Zukunft ihren Lohn.

O, so sieh voll Ruh und Hoffnung weiter

Auf die Zeit, die jene Seegen bringt!

Oft wird noch der trübe Himmel heiter,

Eh' die Abendsonne niedersinkt.

Doch wenn gleich, in Wolken ganz verhüllet,

Immer auch ihr Glanz verborgen bleibt;

O es kommt, mit Ruh und Trost erfüllet,

Doch die Nacht, die jeden Gram vertreibt.

Nein, nicht Nacht! nur zu dem schönsten Tage

Der erwünschte leichte Übergang!

Welche Hoffnung! O es schweigt die Klage,

Und wird froher lauter Jubelklang.