An Lottchens frühem Grabe

Johann Rudolf Zumsteeg

Sanft, wie deine Seele, Lotte,

Sei dein Schlummer in der Gruft!

Groß dein Lohn von deinem Gotte,

Der so früh dich zu sich ruft!

Dufte lieblich, holde Blume!

Schon verpflanzt von Gottes Hand!

Dufte süß im Heiligtume,

In der Tugend Vaterland!

Kaum entknospet welkt dein Leben!

Deine Seele scheidet früh!

Rein, wie sie dir Gott gegeben,

Kehrt in Gottes Hände sie!

Lottchen ward hinweg gerissen,

Eh sie Erdengift ergriff,

Als sie noch vor Schlangenbissen

Sicher unter Blumen schlief!

Zwar indeß wir sie begraben,

Blutet unser schwaches Herz;

Lottchen aber schwebt erhaben

Über unserm bangen Schmerz.

Sanft umweht von Himmelsfrieden,

Mit bedaurendem Gefühl,

Sieht sie weilen uns hienieden,

Bei des Lebens Possenspiel!

Darum laßt uns nimmer weinen!

Ruf uns bald von hinnen nur,

Uns mit Lottchen zu vereinen,

Großer Vater der Natur!