Die Sterne

Johann Rudolf Zumsteeg

Wie wohl ist mir im Dunkeln!

Wie weht die laue Nacht!

Die Sterne Gottes funkeln

In feyerlicher Pracht!

Komm, Ida, komm ins Freye,

Und laß in jene Bläue

Und laß zu jenen Höhn

Uns staunend aufwärts sehn.

Sieh, wie die

Leyer

schimmert!

Sieh, wie der

Adler

glüht!

Sieh, wie die

Krone

flimmert,

Und

Gemma

Funken sprüht!

Die hellen

Wächter

winken,

Die goldnen

Wagen

blinken,

Und stolz durchschwimmt der

Schwan

Den blauen Ocean.

O Sterne Gottes, Zeugen

Und Boten beßrer Welt,

Ihr heißt den Aufruhr schweigen,

Der unsern Busen schwellt.

Ich seh' hinauf, ihr Hehren,

Zu euren lichten Sphären,

Und Ahnung beßrer Lust

Stillt die empörte Brust.

O Ida, wenn die Schwermuth

Dein sanftes Auge hüllt,

Wenn dir die Welt mit Wermuth

Den Lebensbecher füllt;

So geh hinaus im Dunkeln,

Und sieh die Sterne funkeln,

Und leiser wird dein Schmerz,

Und freyer schlägt dein Herz.

[Und wenn im öden Staube

Der irre Geist erkrankt;

Wenn tief in dir der Glaube

An Gott und Zukunft schwankt;]

Schau auf zu jenen Fernen

Zu jenen ew'gen Sternen!

Schau auf und glaub an Gott,

Und segne Grab und Tod.

O Ida, wenn die Strenge

Des Schicksals einst uns trennt,

Und wenn das Weltgedränge

Nicht Blick noch Kuß uns gönnt;

So schau hinauf ins Freye,

In jene weite Bläue!

In jenen lichten Höhn,

Dort, dort ist Wiedersehn!

Und wenn ich einst, o Theure,

Von allem Kampf und Krieg

Im stillen Grabe feyre,

So schau empor und sprich:

»In jenen hohen Fernen,

Auf jenen goldnen Sternen,

Dort, wo's am hellsten blitzt,

Wallt mein Verlorner itzt.«

O Sterne Gottes, Boten

Und Bürger beßrer Welt,

Die ihr die Nacht der Todten

Zu milder Dämmrung hellt!

Umschimmert sanft die Stätte,

Wo ich aus stillem Bette

Und süßem Schlaf erwach

Zu Edens schönerm Tag!