Die Wittwe

Johann Rudolf Zumsteeg

Noch saß im schwarzen Kleide

Fernando's Wittwe da.

Ob auch in tiefem Leide?

Ich hoff' und glaube: ja!

Ihr trat ein junger Sänger

Und Zitterspieler nah',

Und sang den "Vogelfänger,

Juchheisa, hopsasa!"

Voll Würde rief sie plötzlich

Dem schönen Jüngling Dank.

"Laß ab! Mir klingt entsetzlich

Dein Zauberflötenschwank.

Für ernste Wittwenscenen

Taugt Opernposse nicht!"

Sie barg ins Tuch der Tränen

Ihr Frühlingsangesicht.

"Wohl," sprach er, "Müssen bitter

Der Trennung Schmerzen sein;

Doch stimmt auch meine Zitter

In's Leid der Herzen ein.

Rings Schwermut zu verbreiten

Gelang mir öfter schon."

Er rührte flugs die Saiten

Und sang im Klageton:

"Ich verlange nur hinüber!

Wann endet die Qual?

Dein auf ewig, o du Lieber

Verklärter Gemahl."

"Ach, mich ergreift es schaurig!"

Rief ihm die Wittwe zu.

"Du sangst fürwahr zu traurig,

Zu langsam spieltest du!"

"Frau! Leiden wegzusingen,

Gelang mir öfter schon.

Auch heute solls gelingen!"

Er sang in mild'rem Ton:

"Ich verlange nur hinüber!

Wann endet die Qual?

Dein auf ewig, o du lieber

Verklärter Gemahl!"

"Ich fühl's, mein Weh ist linder,

Du braver Zittermann!

Doch singe noch geschwinder,

Vielleicht genes' ich dann."

Wohlan, du Schmuck der Schönen!

Ich werb' um deine Gunst,

Und zeig' in raschen Tönen

Die Wundermacht der Kunst.

"O verlange nicht hinüber!

O stille von Qual!

Dich umfange noch ein lieber,

Ein zweiter Gemahl!"

Sie hielt sich nicht mehr länger,

Sie hub zu tanzen an.

"Vortrefflich, schöner Sänger!

Komm! sei mein zweiter Mann!"