Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch
Johann Rudolf Zumsteeg
Frisch athmet des Morgens lebendiger Hauch,
Purpurisch zuckt durch düst'rer Tannen Ritzen
Das junge Licht, und äugelt aus dem Strauch,
In gold'nen Flammen blitzen
Der Berge Wolkenspitzen,
Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
Die schon in lachender Wonne
Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.
Sei Licht mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
Erwärmend hernieder auf Anger und Au.
[Wie silberfarb flittern
Die Wiesen, wie zittern]
Tausend Sonnen im perlenden Thau!
In säuselnder Kühle
Beginnen die Spiele
Der jungen Natur,
Die Zephyre kosen
Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.
Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen,
Laut wiehern und schnauben und knirschen und strampfen
Die Rosse, die Farren,
Die Wagen erknarren
Ins ächzende Thal.
Die Waldungen leben,
Und Adler, und Falken und Habichte schweben,
Und wiegen die Flügel im blendenden Stral.
Den Frieden zu finden,
Wohin soll ich wenden
Am elenden Stab?
Die lachende Erde
Mit Jünglingsgebärde,
Für mich nur ein Grab!
Steig empor, o Morgenroth, und röthe
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,
Säusle nieder Abendroth und flöte
Sanft in Schlummer die erstorb'ne Welt.
Morgen - ach! du röthest
Eine Todtenflur,
Ach! und du, o Abendroth! umflötest
Meinen langen Schlummer nur.