Frühlingslied eines Trauernden

Johann Rudolf Zumsteeg

Neu geschmückt lacht' die Natur

Wieder auf der Frühlingsflur;

Abgezogen hat die Zeit

Jetzt des Winters Trauerkleid.

Und des neuen Lebens freut

Alles sich voll Seligkeit:

Busch und Hügel, Wald und Tal

Und die Vögel allzumal.

Alles knospet, keimt und lebt;

Schmachtend nur alleine bebt

Mir das Leiden matte Herz,

Und die Brust zerreist der Schmerz.

Traurig irr' ich hin und her:

Ach! wie drückt es mich so schwer!

Mir ist Nachtigallensang

Unkenruf und Totenklang.

Selbst die Blütenstauden hier

Dünken nur Cypressen mir;

Ach! seit Lyda sank hinab

In das grauenvolle Grab.

Wälder nur, wo Schrecken haußt,

Und der Sturm durch Eichen braußt,

Lieb' ich, fliehe Veilchental,

Büsch und Wies' und Wasserfall.

Irr' ich oftmals dann allein

Schwermutsvoll im Eichenhain,

Führt mein Fußtritt fürchterlich

Oft an einen Abgrund mich.

Starrer Schwindel fasset mich;

Ach! der Abgrund öffnet sich -

Doch, da ist es denn dein Geist,

Der mich wieder leben heißt.

Lyda! Lyda! sieh - wie schwer!

Schweb' auf Purpurwolken her;

Nimm - ich flehe weinend dir! -

Nimm die Zentnerlast von mir.

Reiche mir die Hand und führ'

Hin in Himmel mich zu dir,

Wo kein Aug' mehr Tränen weint,

Lieb' uns ewiglich vereint.

Ohne dich ist mir Natur

Nur ein Jammertal: dir Flur -

Stürzt ihr Tränen, stürzt herab! -

Nur ein schaudervolles Grab.