Herr Paliss

Johann Rudolf Zumsteeg

Vor Pavia hat Herr Paliss

Den Geist einst aufgegeben!

O starb er nicht: gewiß, gewiß!

Er wäre noch am Leben!

Lang war er, schön und tugendsam,

Von aufgeräumten Wesen;

Wenn er den Hut vom Kopfe nahm,

So war er drauf gewesen.

Sein Koch, ein glückliches Genie,

Ließ Bratwurst oft ihn essen,

Und hat die frischen Eier nie

Am Eierplaz vergessen.

Paliss goß in sein trautes Glas

Ein gut Gewächs vom Rheine,

Und trank er nicht, so blieb sein Faß

Viel länger voll mit Weine!

Empfing des Landes Einsamkeit

Ihn unter grünen Buchen,

O dann verlor man seine Zeit,

Ihn in der Stadt zu suchen!

Wie sein Herr Vater, sanft und gut,

So fand ihn, wer ihn kannte;

Denn er geriet nur dann in Wut,

Wenn er von Zorn entbrannte!

Er ließ, gemeiner Sage nach,

Sein Essen schmackhaft kochen,

Und Fastnacht war bei ihm der Tag

Vor Aschermittewochen!

Von Geld und Gütern den Genuß

Erhielt er karg vom Glücke;

Doch fehlt es, hat er Überfluß,

Ihm auch an keinem Stücke.

Zur Kunst des werten Hippokras

Ließ er kein Zutrann spüren;

Doch Pillen nahm er nie zum Spaß,

Nein! immer zum Laxiren.

Sein Haus verkauft er ungewehrt;

Wem dieses wundern sollte,

Der denke, daß es ihm gehört',

Und daß er keins mehr wollte!

Dem König schrieb er einen Brief:

Er werde nicht genesen;

Und schrieb er nicht, so ward sein Brief

Vom König nicht gelesen!

Beneidenswerter Tod, ach! ach!

Man klagt um ihn vergebens!

Denn seht, es war sein Sterbetag -

Der letzte seines Lebens!